July 4, 2017

Das Recht auf Unwahrheit

Ein Beitrag über Neugier und Lügen.

Waren Sie sich schon einmal inmitten eines Bewerbungsgesprächs unsicher, ob Sie es mit einem Jobinterview oder vielleicht doch mit einem Verhör zu tun haben?


Es gibt Fragen, die sind so privat, so intim oder so unangenehm, über die möchte man am liebsten schweigen. 

Dies kann die Anzahl ihrer Ex-Partner, die Frage nach einer vielleicht geplanten Schwangerschaft oder die Höhe Ihres letzten Verdienstes betreffen.

Was darf Sie Ihr Chef oder zukünftiger Arbeitgeber alles fragen?

Und: dürfen Sie ihm geradeaus ins Gesicht lügen, ohne mit negativen Konsequenzen rechnen zu müssen ?


Die Frage nach der Schwangerschaft

Inzwischen kommt es glücklicherweise deutlich seltener vor, dass Frauen im Bewerbungsgespräch mit der Frage nach einer geplanten oder bestehenden Schwangerschaft konfrontiert werden. Doch ganz aus dem Kopf der Personaler ist dieser Punkt nicht verschwunden. Bei einer solchen Frage zu schweigen wäre fatal, wenn Sie tatsächlich Ambitionen haben den Zuschlag zu bekommen. Während der Schwangerschaft muss der Arbeitgeber Sie nicht nur weiterbezahlen und zusätzliche Kosten tragen, sondern sich gleichzeitig um einen Ersatz für Sie kümmern. Die Chancen den gewünschten Arbeitsplatz tatsächlich zu bekommen, würden deshalb rapide sinken. In diesem Fall dürfen Sie bewusst eine falsche Antwort geben und die Schwangerschaft verheimlichen. Kommt die Schwangerschaft später ans Licht, darf der Arbeitgeber Ihnen deshalb nicht kündigen.

Nach der Jobzusage sollten Sie Ihren Chef trotzdem schnellstmöglich über die Schwangerschaft informieren. So kann er sich darauf einstellen, dass Sie einige Monate fehlen werden und fristgerecht die Aufsichtsbehörde verständigen. Schließlich gelten für Schwangere am Arbeitsplatz besondere Vorgaben.


Die Frage nach einschlägigen Vorstrafen

Auf der anderen Seite kann es Fragen geben, die je nach Konstellation erlaubt oder verboten sind.
Sie sind immer dann dazu verpflichtet die Wahrheit zu sagen, wenn die entsprechende Eigenschaft in Kollision mit Ihrer zukünftigen Tätigkeit stehen könnte. Zwar wäre eine Lüge nicht strafbar, doch könnte sich Ihr Arbeitgeber durch Anfechtung vom Arbeitsvertrag lösen, sofern diese Lüge bei Vertragsschluss als arglistige Täuschung gewertet würde.

Ein häufig zitiertes Beispiel, ist der Taschendieb, der bei einer Bank oder einem Juwelier anfängt zu arbeiten.

Damit einher geht die Frage, ob ein Arbeitgeber nach Vorstrafen im Bewerbungsverfahren fragen darf. Im Taschendieb-Fall liegt die Antwort klar auf der Hand: Würden Sie einer Bank vertrauen, die einen verurteilten Dieb einstellt? Wohl kaum.
Insofern ist die Vorstrafen-Frage immer  dann erlaubt, wenn Ihr strafbares Vorverhalten in einem unmittelbaren Zusammenhang zu dem angestrebten Arbeitsverhältnis steht. Dies wird grundsätzlich bei Kassentätigkeiten und möglichen Vermögensdelikten, sowie bei der Einstellung von Kraftfahrern in Verbindung mit Straßenverkehrsdelikten zu bejahen sein.

Allerdings gilt dies für solche einschlägige Vorstrafen dann nicht, wenn diese aus dem polizeilichen Führungszeugnis gelöscht wurden.


Ihr Recht auf Lüge

Auch wenn die Gesellschaft Ihnen vorschreibt, stets aufrichtig und rechtschaffen zu sein, so gibt es laut Rechtsprechung Situationen, in denen Sie lügen dürfen.

Dieses vom Bundesarbeitsgericht zugestandene Instrument, das gemeinhin als Recht auf Lüge bekannt ist, gilt zumindest für solche Fragen, die dazu in der Lage sind den Schutz Ihres Persönlichkeitsrechtes anzugreifen.

In diesen Fällen nämlich wiegt der Schutz Ihrer Persönlichkeit schwerer als das Informationsinteresse des Arbeitgebers.

Pierre Koumou-Okandze

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