October 25, 2017

Mobbing am Arbeitsplatz - was tun?

Muss der Arbeitgeber eingreifen ?

“Findest Du nicht auch, dass Hannah immer etwas komisch riecht? Vielleicht hat sie ja ein Alkoholproblem? Aber sprich sie bloß nicht darauf an!”

Arbeiten Menschen über einen längeren Zeitraum auf engstem Raum miteinander, kann schnell mal ein Reizklima entstehen. Sie können sich im Regelfall Ihre Kollegen nicht aussuchen, doch die Arbeit zwingt Sie dazu einen großen Teil des Tages miteinander zu verbringen. 

Mit den einen sympathisiert man schnell, mit anderen dauert es eine Weile bis man miteinander auskommt, und mit manchen wird man wohl nie warm. In diesem sozialen Potpourrie, können so einigen Brandherde lauern.

Was als ein kurzer Tratsch in der Kaffeeküche beginnt, kann sich durch den sogenannten “Stille Post Effekt” schnell verselbständigen und ungeahnte Ausmaße mit sich bringen. Wo die Grenzen zwischen belanglosem Gerede, Ausgrenzung und systematischem Mobbing liegen, ist regelmäßig schwer auszumachen.
Doch wie können Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Rivalitäten, Neid und bestehenden Konflikten umgehen um das Betriebsklima zu schützen?  


Was ist Mobbing?

Erst wenn ein Arbeitnehmer von Kollegen oder Vorgesetzten über einen längeren Zeitraum mehreren in feindseliger Absicht gerichteten Handlungen (Diskriminierung, Schikane, Anfeindung) ausgesetzt ist, wird aus juristischer Sicht von Mobbing gesprochen. Wird also wiederholt und gezielt eine Person systematisch schikaniert, ausgegrenzt und benachteiligt, kommt Mobbing in Betracht.  Mobbing kann sowohl von einzelnen, von mehreren Kollegen gemeinschaftlich oder von dem Arbeitgeber selbst erfolgen.

Gerüchte werden gestreut, Intrigen gesponnen und Tratsch herumgetragen. Dies kann für den Betroffenen ernsthafte Konsequenzen haben, die nicht ansatzweise so schnell aus der Welt geschaffen werden können, wie sie einst hereingeholt worden sind.  

Man unterscheidet zwischen dem Mobbing auf beruflicher und dem auf sozialer Ebene.

Wird der Betroffenen beispielsweise mit unsachlicher Kritik an seiner Arbeit konfrontiert, wird er zu unsinnigen oder gar kränkenden Tätigkeiten verdonnert oder werden seine Arbeitsergebnisse bewusst manipuliert, so zählt das unter das berufsbezogene Mobbing. Das gleiche gilt für die Fälle, in denen der Betroffene eine unberechtigte Bestrafung, Sanktion oder Herabstufung erfährt.

Die soziale oder persönliche Ebene zeichnet sich durch Angriffe aus, die auf  Ausgrenzung, Belästigung und Kränkung abzielen. Der gemobbte Kollege wird auf persönlicher Ebene angegriffen oder erniedrigt. Nicht selten werden betroffene Personen ignoriert und wie “Luft” behandelt. Das gefährliche dabei liegt auf der Hand - im Falle der Nichtbeachtung steht gerade kein aktives Handeln, sondern ein Unterlassen des Mobbers im Raum. So hat dieser auf Nachfrage im wahrsten Sinne des Wortes “nichts” getan.

In besonders brisanten Fällen vermischen sich beide Formen des Mobbings: Die Folgen können verheerend sein. Von Wut und Dauerstress des Betroffenen, über den Verlust des Selbstvertrauens bis hin zum totalen Arbeitsausfall, psychosomatischen Erkrankungen und Suizidgefahr, ist jedes Szenario denkbar.

Häufig setzen sich Ursachen und Folgen mosaikartig zusammen und lassen erst verspätete ein Gesamtbild und das wahre Ausmaß erkennen.

Kommt es im Büro oder in einer anderen Gemeinschaftssituation zu Reibereien, so ist das ganz natürlich und nicht unbedingt etwas Schlechtes. Im Anschluss sollte jedoch ein höfliches und respektvolles Miteinander wieder auf der Tagesordnung stehen. Offene Konflikte gilt es zu vermeiden.

Wird ein Arbeitskollege bei der Lunch-Verabredung übergangen und nicht gefragt, so kann das für den Betroffenen unter Umständen unangenehm sein. Doch sollte man in einem solchen Fall von ignorantem oder gar agonistischem Verhalten nicht gleich auf Mobbing schließen. Hierfür müssen weitere sozialwidrige Verhaltensweise dazukommen, die in der Gesamtschau einen Mobbingverdacht rechtfertigen.
Die Grenzen zwischen sozial unerwünschtem Verhalten und Mobbing sind mitunter fließend.


Häufig lassen sich 4 typische Mobbing Phasen erkennen:

  1. Konflikt und Nachspiel
    Ausgelöst durch einen Konflikt, kommt es zu den ersten persönlichen Angriffen. Kollegen verbünden sich gezielt gegen eine Person. Es kommt zu Schuldzuweisungen.

  2. Wiederholende Schikane
    Der Betroffene wird über einen längeren Zeitraum schikaniert und ausgegrenzt. Der eigentliche Auslöser des Konflikts verliert an Bedeutung.

    Typische Anzeichen: das Mobbingopfer…

    …sucht die Fehler bei sich

    …leidet an Selbstzweifeln

    …geht ungerne zur Arbeit

    …denkt auch außerhalb des Jobs ständig an die Bürosituation

    …leidet unter Schlafstörungen

  3. Folgen und Nachwirkungen
    Der Betroffene wird aufgrund von Verunsicherung und Unkonzentriertheit fehleranfällig. Arbeitgeber sehen häufig die wahren Ursachen nicht.
    Es kommt zu Personalgesprächen, (langfristigen) Krankschreibungen und Abmahnungen. Wird der Sachverhalt nicht aus der Welt geschafft bzw. vom Arbeitgeber richtig angegangen, wird Phase 4 eingeläutet.

  4. Auswegslosigkeit
    Die Schikane geht so tief unter die Haut des Betroffenen, dass dieser das Handtuch schmeißt. Entweder kündigt er oder willigt in einen Auflösungsvertrag ein. In ganz extremen Fällen scheidet die gemobbte Person komplett aus der Arbeitswelt aus.


Die Personen die sich Mobber gezielt aussuchen folgen häufig einem bestimmten Schema. Potentielle Opfer sind oft “anders”: größer, dicker, dünner, schöner, schlauer oder anders gekleidet. Der Prototyp eines Mobbingopfers ist zudem leicht zu kränken oder mit wenig Selbstbewusstsein ausgestattet.

Niemand möchte sich selbst als Opfer sehen oder gesteht sich gerne ein, gemobbt zu werden. Viele Arbeitnehmer überschätzen ihre Fähigkeit mit einer solchen Situation richtig umzugehen. Da der Arbeitsplatz die finanzielle Lebensgrundlage für die meisten Arbeitnehmer darstellt und aus Angst die Sicherheit des Arbeitsplatzes zu gefährden, werden bestehende Konflikte gut und gerne heruntergeschluckt und verdrängt. Es vermag jedem einleuchten, dass das auf Dauer nicht zielführend ist. Statista fand in einer Studie heraus, dass 15% aller Arbeitnehmer bereits unter Mobbing gelitten haben oder noch leiden. 65 % der Mobbingopfer geben an Mobbingsituationen durch das Vorenthalten von Informationen zu erfahren. Aber auch aggressivere Formen wie das Bloßstellen vor anderen Kollegen oder das Verbreiten von Lügen werden angeführt.


Was kann man gegen Mobbing tun?

Bewegen sich die Attacken auf den Betroffenen im Rahmen strafbarer Handlungen (Tätlichkeiten, Beleidigungen, üble Nachrede, sexuelle Nötigungen) so kann der Betroffene sowohl Strafanzeige erstatten als auch zivilrechtlich auf Unterlassung klagen.

Handelt es sich dagegen um Attacken, die unterhalb der Schwelle der strafbaren Handlungen stehen, gilt es zunächst zu unterscheiden, von wem das mobbende Verhalten ausgeht und in welcher Härte die Schikane erfolgt. So macht es einen Unterschied, ob Sie Ihre Rechte gegenüber Arbeitskollegen oder gegenüber Ihrem Arbeitgeber wahrnehmen möchten.

Anders als in Schweden, Frankreich und Spanien existiert in Deutschland kein spezielles Anti-Mobbing-Gesetz. Nichtsdestotrotz hat Ihr Arbeitgeber Ihnen gegenüber Fürsorgepflichten, die insbesondere dann greifen, wenn Ihr Interesse an körperlicher und seelischer Integrität gefährdet ist.  

Werden Ihnen beispielsweise Informationen vorenthalten oder von Kollegen übergangen und ignoriert, so haben Sie zwar Ihren Kollegen gegenüber keine rechtliche Handhabe. Doch können Sie im Gegenzug von ihrem Arbeitgeber verlangen, dass sich dieser schützend vor Sie stellt und mobbende Kollegen abmahnt oder versetzt.

Der Gang zum Personaler kann dabei bereits erste Abhilfe leisten. Eine gute Führungskraft kann Mobbing frühzeitig erkennen und entsprechend eindämmen, und somit nicht nur dem Angestellten, sondern dem ganzen Unternehmen einen großen Dienst leisten. Arbeitgeber haben die Möglichkeit Mobber zu ermahnen, Einzelgespräche anzuordnen, als Moderator zu fungieren und die Belegschaft zu schulen und zu sensibilisieren.

Ansonsten kann firmeninternes Mobbing immense Kosten für das betroffene Unternehmen bedeuten: nicht nur die Fehlzeiten des gemobbten Arbeitgebers stauen sich an, sondern auch der Leistungsabfall und das dadurch entstehende negative Arbeitsklima, können sich deutlich bemerkbar machen.

Es kommt aber auch vor, dass die Schikanen unmittelbar vom Arbeitgeber ausgehen. In solchen Extremfällen, können Sie noch schneller weitergehende Rechte geltend machen. So können Sie Ihren Arbeitgeber sofort abmahnen oder unter Umständen das Arbeitsverhältnis kündigen und Schadensersatz wegen der vom Arbeitgeber verschuldeten Vertragsbeendigung verlangen.

Im besten Fall sollte es natürlich soweit gar nicht erst kommen. Nicht nur, weil dies in vielen Fällen zu einer nachhaltigen unumkehrbaren Störung der Geschäftsbeziehungen führen kann, sondern auch weil Schadensersatz und/oder Schmerzensgeld vor Gericht sehr schwer und nur mit viel Zeitaufwand geltend gemacht werden können.  


Führe ein tägliches Mobbingtagebuch

Da das Mobbingopfer die Mobbingvorwürfe beweisen muss, empfiehlt es sich ein Mobbingtagebuch führen. In diesem sind alle Vorfälle so detailliert wie möglich zu dokumentieren:

  • Wann kam es zum Vorfall?

  • An welchem Ort fand die Konfliktsituation statt?

  • Was genau ist passiert?

  • Wer waren die Beteiligten?

  • Wie haben Sie sich gefühlt?

  • Gibt es Zeugen oder Emails, die den Vorfall bestätigen können?

Bedenken Sie, dass rechtliche Schritte nur eingegangen werden sollten, wenn alle anderen gütlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Bevor Sie also einen arbeitsgerichtlichen Prozess anstreben, sind Sie besser damit beraten rechtzeitig mit Ihrem Arbeitgeber ins Gespräch kommen.






Sarah Ulrich

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