July 14, 2017

Versetzung in andere Filiale

Muss ich einem Filialwechsel zustimmen?

Tag ein, Tag aus, nehmen Sie denselben Weg zur Arbeit. Über die Türschwelle, rechts in die Nebenstraße, wo Ihr Auto steht und dann 28 Minuten durch die City. 

Doch mit einem Mal soll alles anders werden.

Was grundsätzlich nicht ganz so tragisch wie eine Kündigung ist, kann sich trotzdem anfühlen wie eine solche: Die Versetzung in eine andere Filiale.

Haben Sie zuvor mit Ihrem Arbeitgeber den Wechsel nicht einvernehmlich besprochen, kann sich die Entscheidung wie ein Schlag ins Gesicht anfühlen. Ein Abschied von womöglich liebgewonnenen Kollegen, Stammkunden und der Nachbarschaft sind nicht immer leicht zu verkraften.

Nicht selten fragen sich Versetzte: darf mein Chef so über meinen Kopf hinweg entscheiden?

Hat Ihr Arbeitgeber ein Recht darauf, zu bestimmen, an welchem Ort Sie zu arbeiten haben?


Alles Chefsache


Die traurige Realität sieht leider häufig genau so aus. An welchem Arbeitsort Mitarbeiter ihre Arbeitsleistung zu erfüllen haben, steht meist im Arbeitsvertrag.

In vielen Arbeitsverträgen sind Versetzungsklauseln eingebaut, wonach Sie nach Gutdünken Ihres Arbeitgebers jederzeit in einer anderen Filiale oder einer anderen Abteilung eingesetzt werden können.

Hat Ihr Arbeitgeber darauf verzichtet, kann er seine Versetzungsanordnung ebenfalls auf sein Weisungs- und Direktionsrecht stützen.

Dieses ermöglicht ihm, über den Inhalt, den Ort und die Zeit der Arbeitsleistung zu bestimmen. Davon umfasst ist insoweit auch das Recht, den Arbeitnehmer an verschiedenen Orten, somit auch langfristig in einer anderen Filiale einzusetzen.

Es mag einem ein wenig Spanisch vorkommen, dass Arbeitgeber im Zweifel bestimmen können, dass Arbeitnehmer ihren Lebensmittelpunkt in eine andere Stadt verlegen müssen. Da die Versetzung eine einseitige Maßnahme des Arbeitgebers ist, die nicht von der Einverständnis des Arbeitnehmers abhängt, können Sie kurzfristig mit einem Umzug an einen anderen Ort konfrontiert werden. Insofern stellt sich weniger die Frage nach der Zustimmungsbedürftigkeit einer solchen Versetzung, als vielmehr die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Versetzung.

Nicht selten beabsichtigt der Arbeitgeber dadurch, dass unliebsam gewordene Arbeitgeber von sich aus das Handtuch werfen. Aus der Perspektive des Arbeitgebers ist eine Versetzung oftmals ein erster Schritt hin zur einvernehmlichen Beendigung des Arbeitsverhältnisses oder der arbeitnehmerseitigen Kündigung.

Die Praxis zeigt, dass in solchen Situationen Arbeitnehmer sich häufig vorschnell mit einem Aufhebungsvertrag einverstanden erklären. Davon muss aber dringend abgeraten werden. Zeigen Sie nämlich Ihrem Arbeitgeber, dass Sie selbst und aus freien Stücken das Arbeitsverhältnis beenden möchten, schmälern Sie dadurch Ihre Verhandlungsposition, was sich negativ auf die Höhe einer zu verhandelnden Abfindung auswirkt.

Wie kann ich mich gegen eine Versetzung wehren?


Ver­set­zun­gen können aus vie­len Gründen rechts­wid­rig sein: z.B. wenn der Betriebsrat der Versetzung nicht zugestimmt hat oder die Versetzung aufgrund möglicher besonderer Härten unverhältnismäßig ist.

Ar­beit­ge­ber dürfen nicht nur die ei­ge­nen In­ter­es­sen durch­set­zen, son­dern müssen auch die In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers berück­sich­ti­gen. Insbesondere ist auf individuelle Verhältnisse und die soziale Schutzbedürftigkeit der Arbeitnehmer Rücksicht zu nehmen.

So hat das Landesarbeitsgericht Schleswig Holstein über einen nach Ludwigshafen versetzten dreifachen Familienvaters entschieden:



“Ein Arbeitgeber darf nicht ohne Weiteres seinen Arbeitnehmer an einen rund 660 km entfernten Arbeitsort versetzen. Will er den Einsatzort verändern, muss er auch die Interessen und familiären Lebensverhältnisse des Beschäftigten berücksichtigen.” ( LAG Schleswig-Holstein Urt. v. 26.08.2015, Az. 3 Sa 157/15)


Es gibt Fälle, in denen Sie sich glücklich schätzen können, wenn man Ihnen überhaupt eine Versetzung in eine andere Filiale anbietet. Ist das Unternehmen wirtschaftlich in eine derartige Schräglage geraten, dass Filialen schließen müssen, so droht im Normalfall bereits eine betriebsbedingte Kündigung. Ihr Arbeitgeber muss dann vor Ausspruch der Kündigung prüfen, ob mildere Mittel wie z.B die Versetzung in eine andere Filiale, zur Verfügung stehen.


LAG Schleswig-Holstein Urteil vom 26.08.2015 - 3 Sa 157/15


Pierre Koumou-Okandze

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